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am 19. Mai 2016

Nachdenkpause am Heumarkt

Alexander Hirschenhauser - Vizebürgermeisterin Maria Vassilakou informierte über eine Nachdenkpause beim Hochhaus-Projekt auf den Gründen des Wiener Eislaufvereins. Zuvor hatte der Fachbeirat für Architektur und Stadtgestaltung starke Bedenken gegenüber dem Projekt ins Treffen geführt. Wir begrüßen diese für viele überraschende Entwicklung…

Darstellung Wertinvest

Hochhäuser können enorm elegante Bauwerke sein, sie prägen praktisch immer die Skyline einer Stadt und meist sind sie auch ein großes Geschäft für die errichtende Immobilienfirma. Beim Hochhaus-Projekt auf den Gründen des Wiener Eislaufvereins kamen noch einige weitere Facetten hinzu, weshalb dieses Projekt ganz speziell polarisierte. Jedenfalls zu würdigen sind die Bemühungen des Investors, im Rahmen eines von der Gemeinde Wien verlangten kooperativen städtebaulichen Verfahrens mehr Transparenz als in der Immobilienbranche üblich zuzulassen.

Baugrund in der Kernzone des Weltkulturerbes

Die Wiener Innenstadt samt Glacis-Zone und dem Gebiet zwischen Schwarzenbergplatz und Schloss Belvedere wurde am 13. Dezember 2001 von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt. Die Stadt Wien verpflichtete sich im Rahmen von internationalen Verträgen, diesen historischen Stadtkern zu schützen und zu erhalten. Dies bedeutet nicht, dass die Wiener Innenstadt nicht mehr weiterentwickelt werden darf – doch gilt es, bei allen Bauvorhaben besonders sensibel und mit Rücksicht auf die historische Substanz zu planen. An dieser Stelle muss auch erwähnt werden, dass uns ohne langes Nachdenken eine Reihe unglaublich unsensibler Dachausbauten als bereits geschehene Bausünden einfallen.

Warnung der UNESCO

Blick vom Belvedere

Die UNESCO warnte mehrfach, dass der Status "Weltkulturerbe" aberkannt werden könnte, wenn beim Eislaufverein ein Hochhaus mit 75 Metern Höhe errichtet würde. Wir wissen nicht, ob diese Warnungen tatsächlich in die Tat umgesetzt worden wären. Doch um dieses Risiko einzugehen, bräuchte es wirklich schwerwiegende Gründe und eine positive Kosten-Nutzen-Abwägung. Schließlich trägt die Wertschöpfung aus dem Tourismus wesentlich zur Wiener Wirtschaftsleistung bei und die rasante Entwicklung der Nächtigungszahlen ist nicht zuletzt auch jenem Prädikat zu verdanken. Nicht zu vernachlässigen ist auch, welch emotionalen Stellenwert dieses Weltkulturerbe in den Herzen der meisten WienerInnen hat.

Einiges sprach für das Hochhaus-Projekt

Öffentlicher Raum im Sommer

Unbestritten ist, dass die projektwerbende Immobilienfirma Wertinvest einigen Mehrwert für uns alle eingeplant hatte: An erster Stelle ist hier die zu zwei Dritteln konsumzwangfreie Öffnung des Areals während der eislauf-freien Sommermonate zu nennen. Eine Bespielung a la Museumsquartier wäre ganz sicher ein Gewinn für die Stadt, verglichen mit der derzeitigen Sommernutzung „Sand in the City“ (100% Nutzung für Event-Gastronomie). Auch die Schaffung von mehreren öffentlichen Durchgängen zwischen Lothringerstraße und Heumarkt unter Wegfall der Zaun- und Gitteranlagen des Eislaufvereins wären sehr willkommen gewesen und hätten die bestehende Barriere zwischen Beethovenplatz und dem Grätzel um die Marokkanergasse beseitigt.

Mehrwert für alle oder Ertragsoptimierung?

Mit Fragezeichen stellte sich der Nutzen für die Allgemeinheit bei weiteren Aspekten des Projektes dar: Die unterirdische Eishalle für ganzjährigen Trainingsbetrieb und die ebenso unterirdische Turnhalle zur Nutzung durch die umliegenden Schulen hätten laufende Mieteinnahmen für Wertinvest gebracht – wären also nicht so uneigennützig wie vom Investor dargestellt gewesen. Und dass die hässlichen Zweckbauten entlang des Heumarkts durch um 17 Meter höhere Neubauten ersetzt werden sollten, hätte zwar diesen Straßenzug aufgewertet, doch gleichzeitig natürlich zusätzliche Erträge für den Investor auf Kosten der Belichtung für BewohnerInnen der gegenüberliegenden Häuserzeile bedeutet.

Eislaufverein und Konzerthaus

Sowohl Eislaufverein als auch Konzerthaus hätten profitiert: Der WEV hätte eine komplett neue Anlage samt Technik und Betriebsräumlichkeiten übergeben bekommen plus eine Verlängerung des derzeit bis 2058 laufenden Vertrages bis ins Jahr 2115. Kaum bekannt war in diesem Zusammenhang allerdings, dass der Eislaufverein sehr wohl ein Finanzkonzept zur Instandhaltung der Anlagen in der Schublade hat. Der Konzerthausverein hätte sich über großzügigere Flächen sowohl vor dem Haupteingang als auch zum Platz hin gefreut, zusätzlich wären gelegentliche Freiluftkonzerte im Sommer geplant gewesen.

Kosten-Nutzen-Rechnung

Sehr durchwachsen präsentierte sich uns also die Kosten-Nutzen-Rechnung aus Sicht des Allgemeinwohls. Die wichtigsten Erwägungen:

  • Der Investor erfreut sich an einem enormen Widmungsgewinn – wird ein fairer Anteil davon in Form von Mehrwert für uns alle abgegeben? Vorsichtige Antwort: eher nein.
  • Stellt Isay Weinfelds Entwurf für das Hochhaus spannende urbane Architektur in der Ringstraßenzone dar? Vorsichtige Antwort: Geschmackssache.
  • Ist dieses Projekt das Risiko wert, dass der Status Wiens als Weltkulturerbe aberkannt werden könnte? Nach reiflicher Überlegung: Nein. Nicht für einen Luxusturm in einer Gegend der Stadt, der eher ein Mehr an sozialer Durchmischung guttäte, denn weitere Prestige- und Anlage-Appartements für Superreiche aus aller Welt.

Wie könnte es weitergehen?

Falls der Investor ein neues, redimensioniertes Projekt mit besserer Kosten-Nutzen-Bilanz für die Allgemeinheit vorlegt, muss dieses erneut geprüft und vom Fachbeirat beurteilt werden. Doch auch in jenem Fall, dass nun bloß eine Renovierung des in die Jahre gekommenen Hotels Intercontinental geplant werden sollte, wäre klar: Die Stadt Wien sollte mit dem Eislaufverein die sommerliche Öffnung des Areals und freie Durchgänge zwischen 1. und 3. Bezirk verhandeln. Und bis zum Jahr 2058 wäre eine Lösung zu finden, wie der Eislaufbetrieb auch über dieses Datum hinaus gewährleistet bliebe – falls die Klimaentwicklung diesen Wintersport dann überhaupt noch zulässt.