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am 5. Mai 2014

Wie lange können wir uns Wohnen in der Innenstadt noch leisten?

Alexander Hirschenhauser - Wohnraum in 1010 wird zum Luxusgut, Denkmalschutz und Wohnbevölkerung bleiben auf der Strecke.

Die Turbo-Immobilienwirtschaft „entwickelt“ die Bausubstanz im Bezirk intensivst. Dabei geht es längst nicht mehr nur um ein paar schwarze Schafe, die scheinbar ohne Skrupel und nur mit Gewinnmaximierung im Sinn ihre zweifelhaften Projekte durchziehen – siehe Artikel ​„So werden Altstadtjuwelen und leistbare Wohnungen demoliert“. Befeuert durch dubioses Kapital von dubiosen InvestorInnen, wird mittlerweile alles entwickelt, was Gewinn und Investmentchancen verspricht. Reihenweise bekommen die Dächer historischer Bauten gläserne Kobel oben drauf gepfropft – manchmal ergeben sich spannende architektonische Gegensätze, meist aber unglaublich geschmacklose Protzburgen am Dach.

immer weniger leistbarer wohnraum

Klar ist aber leider auch: Jedes Mal, wenn am Dach neue Luxuswohnflächen geschaffen werden, dürfen bisherige leistbare Wohnflächen trotz Wohnschutzzone für andere Nutzung umgewidmet werden. Es wird also Wohnraum mit durch das Mietrechtsgesetz gedeckelten Mietpreisen gegen Dachflächen im Luxus-Marktsegment getauscht. In den ehemaligen Wohnungen entstehen dann Büros, die frei vermietbar sind. Es gibt sogar schon Firmen und Anwaltskanzleien, die sich darauf spezialisiert haben, diesen Flächentausch zwischen verschiedenen Immobilienentwicklern quer über den Bezirk zu vermitteln. Diese Broker-Geschäfte erweisen sich als Goldgrube weil satte Provisionen dabei herausschauen.

wir werden von jahr zu jahr weniger

Die Immobilienwirtschaft samt ihren Dienstleistern verdient also prächtig, verloren geht leistbarer Wohnraum mit steigender Geschwindigkeit – die Bevölkerung schrumpft. Ja sie schrumpft, denn in den Penthouses am Dach leben wenige Superreiche auf großer Fläche…wenn sie überhaupt dort leben. Denn oft genug werden diese Immobilien bloß als sichere Anlegeobjekte erworben, viele üppige Luxusapartments dienen als Zweitwohnsitze und werden nur selten wirklich bewohnt.

wohin führt das?

Die Auswirkungen auf die Bezirksentwicklung sind vielseitig: Der Einzelhandel mit Nahversorgungs-Charakter wird von noch mehr Gastronomie, Hotellerie und Luxusboutiquen verdrängt. Die ehemals sozial durchmischte Wohnbevölkerung wird vertrieben. Der Charakter der Innenstadt als Lebensraum kippt in Richtung Tourismus-Disneyland. Doch diese Entwicklungen sind alles andere als nachhaltig: Es ist bekannt, dass die Tourismustrends mehr und mehr in Richtung „Reiseziele mit authentischem Charakter“ gehen. Wie lange kann die Wiener Innenstadt diesen Charakter noch bieten?

der markt versagt

Wenn derartige ungünstige Entwicklungen in einer Stadt auftreten, dann versagt der Markt. Die marktregulierenden Bestimmungen in Wien sind also offensichtlich zahnlos oder werden nicht genügend straff vollzogen. Doch mit jedem neuen Immobilienprojekt verliert die Innere Stadt mehr von ihrem Charakter und ihrer Einzigartigkeit.

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