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am 24. Mai

Ursula Berner: Die Helden vom Sockel stoßen

Ursula Berner - Ein Plädoyer für eine Neukonzeptionierung der Erinnerungspolitik in Wien: 

Ist das Präsentieren mehr oder weniger umstrittener Persönlichkeiten mittels bombastischer Sockel auf Überlebensgröße erhöht, in Heldenpose, die Form der Geschichtsbetrachtung, die wir aufrechterhalten und künftigen Generationen vermitteln wollen?

Der öffentliche Raum ist, wo wir als Gesellschaft zusammenkommen. Wem wird hier Platz geboten? Warum stellen wir (alte) weiße Männer in Stein oder Bronze im öffentlichen Raum auf? Wer wird damit Teil der offiziellen Erinnerung, der offiziellen Geschichte der Stadt?


Die antike Tradition

Nach den in Stein gehauenen Göttern und Göttinnen der Antike begannen Feldherren und Imperatoren sich selbst gottähnlich und damit unhinterfragbar im öffentlichen Raum zu platzieren. Hier sollte jedem Vorbeikommenden klar gemacht werden, wer hier was zu sagen hat. Diese Tradition der Heldenverehrung hat sich in der westlichen Welt zumindest bis zur Mitte des letzten Jahrhunderts erhalten. 

Statuen heute

Inzwischen hat sich der öffentliche Diskurs so weit verändert, dass es kaum mehr möglich ist, aktuelle Würdenträger*innen, Politiker*innen (in westlichen demokratischen Gesellschaften) oder König*innen als Statuen im öffentlichen Raum zu platzieren - und damit den sie umgebenden Raum als den ihren zu definieren. Ganz im Gegenteil, Heldenstatuten werden gekippt, wie im Zuge der "Black Lives Matter"-Demonstrationen in den USA oder ironisiert wie die Trumpstatue in New York.

Verehrung statt Kontext

Eine demokratische Stadt im 21. Jahrhundert, als welche sich Wien versteht, muss sich deshalb die Frage stellen, wie sie an die Geschichte der Stadt und der hier Lebenden erinnern will. Ist die patriarchale Heldenverehrung vergangener Jahrhunderte noch das Mittel der Wahl? Ist das Präsentieren mehr oder weniger umstrittener Persönlichkeiten mittels bombastischer Sockel auf Überlebensgröße erhöht, in Heldenpose, die Form der Geschichtsbetrachtung, die wir aufrechterhalten und künftigen Generationen vermitteln wollen? Kann so eine Pose die Komplexität einer Person und ihrer Taten bzw. ihre Zeit tatsächlich darstellen?

Ich sage nein!

Spätestens seit den 1980er Jahren hat sich in der Geschichtswissenschaft in Österreich eine Abkehr von der Majestätsgeschichte durchgesetzt: Geschichte wird von vielen gemacht! So muss sie auch erzählt werden. Um ein umfassendes Bild einer Epoche zu erreichen, müssen wir verschiedene Blickwinkel, verschiedene Erfahrungshorizonte zulassen und herausstreichen. Wenn Geschichte nicht verstaubt und entfernt wirken soll, braucht sie ständigen Diskurs und Interdisziplinarität.

Erinnerungspolitik muss zur Auseinandersetzung motivieren 

Eine moderne, demokratische Erinnerungspolitik muss sich trauen, die Denkmäler des 19. Jahrhunderts in Frage zu stellen. Noch besser, sie aus dem öffentlichen Raum zu entfernen, um wieder Platz für Neudefinitionen frei zu machen. Statt Statuen zur Repräsentation von Macht, Führung und Erhabenheit einzelner über viele, braucht es öffentliche Diskursräume. Es braucht immer wieder neue Interventionen an historisch relevanten Orten. 

Lueger in den Garten der Statuen

Deshalb plädiere ich dafür, Statuten von konkreten Persönlichkeiten in Wien aus dem öffentlichen Raum zu verbannen – an einen gemeinsamen Erinnerungsort. Ein Skulpturengarten der Geschichte der alten weißen Männer (und der ganz wenigen Frauen). Dort können die Statuen kontextualisiert und in Verbindung zueinander gebracht werden, das Machtgeflecht kann erläutert werden. Die vergangenen Heldenposen können dort als das decouvriert werden, was sie sind: Konstrukte, die es zu überwinden gilt. Selbst wenn es wohl schwer gelingen kann, die gesamte Komplexität einer politischen Figur zu erfassen – schafft die Form der Darstellung in einem Skulpturengarten auch symbolisch einen klaren Rahmen für die Rezeption: Was hier gezeigt wird, ist konstruiert. Es ist ein zusammengesetztes Stückwerk aus Schlaglichtern auf Einzelpositionen.

Ein leerer Sockel als Mahnmal

Vor Ort könnten dann - wie im Fall Lueger - die Sockel der einstmaligen Verehrung stehenbleiben - ein Sockel ohne Helden. Diese Leerstellen laden jetzige Betrachter*innen ein, sich in Beziehung zu setzen und Fragen zu stellen. Diese Leerstellen laden ein, unterschiedliche Perspektiven zu wagen und Kontexte zu verhandeln: zur Geschichte der Stadt im Allgemeinen, zur konkreten Person und zu spezifischen Erinnerungsorten im Speziellen. 

Leerstellen sind ein Kommunikationsangebot

Sie geben Raum, um beispielsweise den Antisemitismus und seine Verankerung in der Stadtgeschichte zu reflektieren. Leerstellen erzeugen Spannung und machen neugierig. Ohne Neugier kann kein Geschichtsbewusstsein entstehen. Ohne Möglichkeit für heutige Bewohner*innen die kollektive Erinnerungserzählung mitzuschreiben, werden Denkmäler vergangener Generationen zu gesichtslosen Steinhaufen.  

Lebendige Erinnerungskultur braucht ständige Auseinandersetzung. Lebendige Erinnerungskultur braucht den öffentlichen Diskurs.


Ursula Berner




Auf dem Bild ist eine Statue von Diadumenos zu sehen.
Statuen als Zeichen der Ehrdarbietung sind eine antike Tradition.




Auf dem Bild ist eine ironische Donald-Trump Statue am Trafalgar Square zu sehen.
Eine ironische Donald Trump Statue in London.




Auf dem Bild ist der leere Sockel des Albert Pike - Denkmals zu sehen.
Ein leerer Sockel, nachdem eine Statue von "Black Lives Matter"-Demonstrant*innen gestürzt wurde.