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am 9. April 2016

Zuwanderung nach Österreich: Herausforderungen für die (Frauen)Politik

Evelyn Blau - Spannende Diskussionsveranstaltung mit Zerife Yatkin und Viktoria Spielmann

Zerife Yatkin, grüne Bezirksrätin und Bildungsberaterin aus Hernals sowie Viktoria Spielmann, ehemalige ÖH-Vorsitzende und AMS-Expertin lieferten spannende Impulse für eine intensive Diskussion.
Erstes Résumé: Das Gespräch über Frauenrechte und Aufklärung muss vor allem mit den zuwandernden Frauen auf Augenhöhe geführt werden, um sie stärker Richtung Befreiung aus patriarchalen Verhältnissen zu unterstützen. Und der islamistischen Missionierung vor allem unter Jugendlichen muss endlich mehr entgegengesetzt werden.

Köln

Die Diskussion um Köln ist eine scheinheilige. Die Aufmerksamkeit gilt - wieder einmal - hauptsächlich den Männern/Tätern und deren Herkunft, die negativen Folgen für die betroffenen Frauen wie Angstzustände und Depressionen sind kaum Thema. Und jene Männer, die jetzt UNSERE Frauen schützen wollen (wer sind die anderen, die nicht geschützt werden sollen?), sind meist genau jene, die regelmäßig Stimmung machen gegen alle konkreten Maßnahmen zum Schutz von Frauen vor (sexueller) Gewalt, wie zum Beispiel Frauenhäuser oder strafrechtliche Verschärfungen.

Was wir brauchen, ist ein engagierter Kampf gegen Gewalt an Frauen – der gefährlichste Ort ist bekanntlich die Familie – ohne in rassistische Vorurteile zu verfallen.

Denn die Beziehungen zwischen den Geschlechtern sind in den verschiedenen islamischen Ländern, Gesellschaftsgruppen und Ethnien sehr unterschiedlich. Zerife selbst erzählt uns von ihrer Zwangsverheiratung als Sechzehnjährige von der Türkei nach Wien. Es dauerte sechs Jahre, bis sie sich und ihr Kind aus der gewaltbelasteten Ehe befreien konnte.

Kopftuch

Aber es wäre für ihre alewitische Familie eine Katastrophe, wenn sie ein Kopftuch tragen würde, weil das für diese ein religiöses Symbol der Unterdrückung ist. Gleichzeitig gibt es auch feministische Muslimas, die das Kopftuch als Schutz oder manche einfach auch als Signal ihrer Zugehörigkeit sehen. Wir sind uns einig, dass Kopftuch-GEBOTE und -VERBOTE gleichermassen abzulehnen sind.

Frauen sind der Schlüssel

Besonders wichtig ist die Rolle der Frauen. Als Mütter und Schwiegermütter sind sie oft die radikalsten Vertreterinnen traditioneller, patriarchaler Familienverhältnisse. Hier braucht es gezielte Maßnahmen, die speziellen Frauen-Kurse des AMS für Zuwanderinnen sind ein kleiner, aber wichtiger Schritt.

Frauenpolitisch muss dafür gekämpft werden, dass für Migrantinnen ganz spezifische Hilfsangebote bereitgestellt werden, die es ihnen ermöglichen sich zu emanzipieren und durch (ökonomische) Selbstständigkeit langfristig selbst helfen zu können.

Islamismus

Nach den konkreten beruflichen Erfahrungen der beiden Expertinnen liegt das Problem der Frauenverachtung und Unterdrückung weniger bei jenen, die jetzt vor dem IS fliehen. Das Hauptproblem liegt bei der 2./3. Generation jener MigrantInnenkinder, die zu den BildungsverliererInnen zählen. Etwa seit dem Jahr 2000 mit dem Erstarken der AKP in der Türkei , die die Expertin als islamistisch einstuft, gibt es in Österreich massive Missionierung unter den Jugendlichen über islamistische Vereine und Moscheen. Die Folge ist eine Retraditionalisierung großer Teile einer ganzen Generation. Auch die Grünen haben hier zu lange nicht reagiert, die SPÖ hat sich sogar teilweise mit solchen Vereinigungen arrangiert.

Einig sind wir uns, dass alle konfessionellen Kindergärten und Schulen (islamische, christliche, jüdische) viel stärker unter die Lupe genommen werden müssen, inwieweit sie die Werte der Gleichberechtigung von Mann und Frau und die Trennung von Staat und Religion respektieren oder verletzen.

Gemeinsamkeiten Rechtsradikalismus und Islamismus

Diese beiden Ideologien haben unter der Oberfläche vieles gemeinsam: autoritär, patriarchalisch, feindselig gegenüber dem Feminismus; antisemitisch, gewalttätig und verachtend gegenüber allen außerhalb der eigenen Volks/Religionsgruppe. Die Verteidigung der Werte der europäischen Aufklärung und Demokratie ist nicht nur durch die Zuwanderung, sondern wegen der gesamten politischen Entwicklung in Europa eine dringende Herausforderung.​

Missverständnisse

Und last not least: uns allen fehlt es an Wissen, was Gesten, Wörter, Bräuche in der jeweils anderen Kultur bedeuten, es gibt viele Missverständnisse. Begegnung, einander kennenlernen, gemeinsames Tun ist für das Zusammenwachsen unerlässlich.