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am 25. Juni

Ambivalenter Antisemit

Illya Babkin - Warum Lueger von seinem Podest geholt werden muss: Ein Gastbeitrag von Illya Babkin, Vorstandsmitglied der Jüdischen österreichischen Hochschüler:innen.

Woran denkt man, wenn eine übermenschlich große Statue auf einem hohen Sockel an einem der zentralsten Plätze einer Stadt steht? Woran man im 21. Jahrhundert sicher nicht denkt: Dass es sich um einen der wichtigsten Begründer des politischen Antisemitismus in Österreich handelt, der als Vorbild für Adolf Hitler in "Mein Kampf" ruhmreich als "gewaltigste[r] deutsche[r] Bürgermeister aller Zeiten" Erwähnung findet.​

Schilder mit Aufschrift "Kein Platz für Antisemitismus" vor Lueger Statue
Luegers Antisemitismus muss für alle sichtbar werden.

Lueger vom Podest nehmen

So ist es nicht allzu verwunderlich, dass ein großer Teil der Wiener:innen diese Seite an ihm gar nicht kennt oder mit Aussagen wie "aber er hat ja auch die Straßenbahnen gebaut!" herunterspielt. Dr. Karl Lueger ist ein Paradebeispiel für das Problem, dass beim Aufarbeiten der Geschichte noch immer nur an der Oberfläche gekratzt wird. 

Genau aus diesem Grund muss diese Statue nach Ansicht der Jüdischen österreichischen Hochschüler:innen von ihrem Podest genommen werden. Auch, aber nicht nur, weil sie eine Ohrfeige für alle Wiener Jüdinnen und Juden darstellt, die daran vorbeigehen müssen, wenn sie eine der nahegelegenen Synagogen besuchen oder einfach nur in der Innenstadt spazieren möchten. Es ist wichtig, dass die Gesellschaft versteht, was es für uns bedeutet, wenn wir auf die dunkelsten Kapitel österreichischer Geschichte blicken. 

Identitätsstiftung für Rechtsextreme

Als jüdische Hochschüler:innen gemeinsam mit einer Künstler:innengruppe eine Schandwache vor der Statue hielten um die Entfernung der "Schande"-Aufschrift zu verhindern, tauchten aggressive Identitäre auf, um ihr großes Vorbild zu reinigen und die Schandwache zu verjagen. 

Das Lueger-Denkmal ist also ein Identifikationsfaktor für Rechtsextreme, ein Versammlungsort mitten in der Stadt. Das kann nicht dadurch überwunden werden, dass die Statue mit einer Tafel versehen, schräg gestellt oder auf irgendeine andere Weise “markiert” wird. Sie muss weg. Ob sie dann in ein Museum, ein Depot oder auf den Mistplatz kommen soll, da mag es unterschiedliche Ansichten geben. Doch wenn diese Statue an einem neuen Ort für Menschen weiterhin sichtbar bleiben soll, so darf dies nur in einem Rahmen passieren, der nicht den großen Bürgermeister in den Vordergrund stellt, sondern einen der gefährlichsten Antisemiten aller Zeiten.

Kein Fußbreit dem Faschismus!

Ein erster Schritt

Die Entfernung der Dr. Karl Lueger Statue wird ein wichtiger Schritt sein um das Wiener Stadtbild von rechtsextremen Propagandaspuren zu bereinigen. Jedoch ist damit die Arbeit nicht getan. Allein in Wien finden sich zahlreiche weitere Ehrungen Luegers in Form der Dr.Karl-Lueger-Brücke, der Dr.Karl-Lueger-Gedächtniskirche oder dem Obelisken am Zentralfriedhof. Zudem gibt es österreichweit unzählige SS-Denkmäler und andere hoch problematische Erinnerungszeichen, bei denen es wahrscheinlich Jahrzehnte dauern wird, sie ausfindig zu machen geschweige denn zu entfernen.

Ein jüdischer Spruch aus dem Talmud sagt: “Nicht liegt es an dir, das Werk zu vollenden, aber du bist auch nicht frei, von ihm abzulassen.”