Bezirke
Navigation:
am 7. Oktober

200 Jahre Nahversorger für Literatur

Alexander Hirschenhauser - Ein Interview mit Susanne und Ulla Remmer, den Inhaberinnen der Buchhandlung Franz LEO & Comp. am Lichtensteg

Susanne und Ulla Remmer

Standort Innere Stadt

In der über 200 Jahre alten Geschichte der Buchhandlung gab es nur eine sehr kurze Phase, in der die Firma ihr Geschäftslokal nicht in der Inneren Stadt (oder einfach „Stadt“, wie es früher hieß) hatte. Als der Standort an der Ringstraße 1951 verloren ging, war es für die Familie eine klare Entscheidung, in der Inneren Stadt zu verbleiben. Es ist wohl etwas zu einfach zu sagen, dass die Innere Stadt das Herz Wiens ist. Aber ohne eine funktionierende Innenstadt, die für die ganze Wiener Bevölkerung identitätsstiftend ist, geht die Seele Wiens verloren.

In der Zeit nach dem Lockdown haben wir gemerkt, wie die Menschen das Flanieren im Zentrum genossen haben, wie sich alle an den Plätzen und an der Architektur in ruhiger Atmosphäre erfreut haben. In einer Zeit, in der kleine und unabhängige Firmen in der Innenstadt immer weniger werden (nicht zu reden von den vielen Buchhandlungen, die in den letzten Jahren zugesperrt haben) und in der auch weniger junge Familien zuziehen, verstehen wir uns als Nahversorger für Literatur, Kultur und Informationen, und zwar für Jung und Alt.

Nachhaltig Wirtschaften

Wir haben diese Erde von den früheren Generationen übernommen und sollten sie in einem guten Zustand an die nächsten Generationen weitergeben. Und genau dasselbe gilt für unsere Firma. Eine Buchhandlung muss sich immer flexibel an die Verhältnisse anpassen, sonst wird sie nicht weiter existieren. Das eine Mal macht man aus der Not eine Tugend, das andere Mal gilt: „Small is beautiful“. Wenn man mitbekommt, wie bei anderen Betrieben und Branchen die Ware unter großem Transportaufwand produziert und in viel zu großen Mengen eingekauft wird, um dann wieder irgendwie abgestoßen zu werden, kann man am Wirtschaftssystem schon verzweifeln. Wir wählen für unser Sortiment Bücher aus, hinter denen wir stehen und kaufen in maßvollen Mengen ein. Das geht sehr gut, da der Buchhandel über eine sehr gute Logistik verfügt, die uns auch in Corona-Zeiten nicht im Stich gelassen hat. Aber natürlich ist auch im Buchhandel noch einiges optimierbar.

„Wir haben diese Erde von den früheren Generationen übernommen und sollten sie in einem guten Zustand an die nächsten Generationen weitergeben.“
Susanne und Ulla Remmer

Erfahrungen aus dem Lockdown 

Am Tag vor dem Lockdown kamen die Menschen in Scharen und deckten sich noch mit Büchern ein. Wir hörten Sätze wie „Lebensmittel habe ich schon, jetzt komme ich zu euch für Überlebensmittel!“ Und während der folgenden Wochen waren Mail, Telefon und unser Webshop hochaktiv, wir kamen mit dem Versenden und Liefern kaum nach. Einige Erlebnisse bleiben für immer im Anekdotenschatz gespeichert. Definitiv fühlen wir uns gestärkt, denn der Zuspruch und die Treue unserer Kundinnen und Kunden war einfach herzwärmend. Dass Bücher ein unverzichtbares gesellschaftliches „Lebensmittel“ sind, sollte eigentlich klar sein, aber in diesem Frühjahr konnte man es physisch erfahren.

„Autos kaufen nichts.“
Victor Gruen

Verkehrsberuhigung durch Zufahrtsbeschränkungen

Unsere Lage hat sich schon im vergangenen Jahr durch die neue Begegnungszone Rotenturmstraße verändert. Man merkt, dass sich die Menschen jetzt etwas freier und entspannter bewegen. Schade, dass die Begegnungszone nicht den ganzen Lichtensteg oder gar auch den Hohen Markt beinhaltet. Auch wünschen wir uns noch mehr Fahrradständer. Die historisch gewachsene Innere Stadt ist definitiv nicht für den gegenwärtigen Autoverkehr ausgelegt, es braucht ganz sicher eine Regulierung hin zu weniger Lärm und Emissionen. Im Lockdown hat sich eine neue Wahrnehmung entwickeln können, nämlich wie es sein könnte, wenn die Dezibel hier fallen, wenn man aufatmen und die Straße als Flanierzone genießen kann. „Autos kaufen nichts“, sagte der berühmte Städteplaner Victor Gruen. Gleich hier um die Ecke in der Rotenturmstraße hat er übrigens in den 1930er Jahren eines seiner ersten Geschäftslokale gestaltet. Eine Verkehrsberuhigung der Innenstadt würden wir auf jeden Fall sehr begrüßen.


Buchhandlung Franz LEO & Comp. 


​Lichtensteg 1
1010 Wien

MO-FR   10-18 Uhr 30
SA         10-17 Uhr


+43 (0)1/533 14 51
buchhandlung@leobuch.at​

Wer liest, genießt