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am 29. Mai

Aktionen gegen Lueger

Melanie Salis-Samaden, BA, Timon Schrofner - Stürzen, kippen, ansprühen, stehenlassen - Was ist mit Dr. Karl Lueger schon passiert und was kommt womöglich noch auf ihn zu? Kritische Wiener*innen waren hier in der Vergangenheit bereits sehr kreativ und auch tatkräftig - und werden das auch weiterhin sein, bis endlich etwas passiert.

Widerstand gegen das Lueger-Denkmal gibt es schon seit Jahrzehnten. Seit Frühling 2020 nimmt die Diskussion rund um das Lueger-Denkmal aber erst wieder richtig Fahrt auf. Bei einem Expert*innentisch am 21. Mai 2021 wird klar - mit dem Lueger-Denkmal muss etwas passieren. Angefacht wurde dieser Diskurs unter anderem durch die monatliche Aktion der Grünen Innere Stadt  - das Mädchen im roten Mantel am Lueger-Platz. Davor gab es jedoch bereits viele weitere Versuche, Lueger endlich, zumindest symbolisch, von seinem antisemitischen Thron an einem der prominentesten Orte in der Wiener Innenstadt zu holen. 

2009

Die Universität für angewandte Kunst Wien schreibt einen Wettbewerb aus. Die Teilnehmer sollen Ideen zur Umgestaltung der Lueger-Statue einreichen. Als Gewinner aus über 150 Einsendungen geht die Idee hervor, die Lueger-Figur um 3,5 Grad nach rechts zu neigen. Damit soll den Passant*innen bewusst gemacht werden, dass mit dieser historischen Persönlichkeit etwas nicht stimmt. Die Idee wird jedoch nie umgesetzt.


2012

​Die Grünen Innere Stadt bringen einen Antrag ins Bezirksparlament ein. Das Denkmal soll mithilfe einer Zusatztafel entsprechend kontextualisiert werden. Zuvor war dem Denkmal ohne eigene Recherche nicht zu entnehmen, dass es sich bei der verehrten Persönlichkeit nicht nur um einen ehemaligen Bürgermeister, sondern auch um den Begründer des modernen politischen Antisemitismus handelt. 

Bis die Tafel tatsächlich angebracht wird, sollten vier Jahre vergehen. Nach langer Diskussion wird eine winzige Infotafel 2016 vor dem Lueger-Denkmal aufgestellt. Diese Tafel ist verglichen mit Luegers antisemitischer Kehrseite unproportional klein und wird zu leicht übersehen.

Eine "antisemitische Adresse" lässt sich nicht mit der weltoffenen, international renommierten "Universität Wien" vereinen. Dies ist eines der Argumente für die Umbenennung des  "Dr.-Karl-Lueger-Rings" in "Universitätsring"​, welche ebenso im Jahr 2012 vollzogen wird - ein großer Schritt.


2020

Im Zuge der weltweiten "Black Lives Matter"-Proteste nach dem Tod von George Floyd wird weltweit rassistischen Denkmälern der Prozess gemacht. Daraufhin startet die Jüdische Hochschüler*innenschaft eine Petition zum Abriss des Denkmals. Dr. Karl Lueger bleibt zwar als Denkmal erhalten - seit Sommer 2020 zieren jedoch mehrere "Schande"-Schriftzüge den Sockel. Der Ball kommt wieder ins Rollen.

Im selben Jahr knüpft eine Künstler*innengruppe an diese Aktion an. Sie hält vor dem Denkmal "Schandwache", sie möchten verhindern, dass das Graffiti entfernt wird. Unterstützt wird sie dabei von der Jüdischen Hochschüler*innenschaft. Auf einen Zaun, welcher von den Behörden zum Schutz des Denkmals aufgestellt wird, projiziert die Jüdische Hochschüler*innenschaft antisemitische Aussagen von Dr. Karl Lueger und vertont diese.

Wer a Jud ist, bestimme ich!​
- eines der Zitate Luegers bei der Aktion der ​Jüdischen Hochschüler*innenschaft

Die "Schande"-Schriftzüge werden in der Folge als 3D-Relief am Denkmal hervorgehoben - bei einer Gegenaktion der "Identitären" wurden diese jedoch entfernt. 


März 2021

​Angelehnt an das "Fearless Girl" an der Wall Street stellen die Grünen Innere Stadt im März 2021 Lueger zum ersten Mal ein Gegendenkmal vor die Nase. Das Mädchen im roten Mantel aus "Schindlers Liste" verspottet seither jeden Monat den Mann, der sich dafür rühmte, sich durch seinen Judenhass an die Macht gekämpft zu haben. Es warnt uns davor, was passiert, wenn antisemitisches Gedankengut in der Köpfen der Menschen keimt und zu schrecklichen Taten führt. Das Mädchen ist an jedem letzten Dienstag des Monats um 12 Uhr mittags vor dem Denkmal zu beobachten. 


in zukunft

​Bisher wurde also schon mit verschiedensten Mitteln dafür gekämpft, dass Lueger endlich für alle an seinem Residenzplatz offensichtlich zum Antisemiten wird. Wie sehen jedoch die aktuellen Perspektiven und Ideen zur entsprechenden Umgestaltung aus? Die Vorschläge sind höchst divers. Hier ein paar Ideen, von Spitzenpolitiker*innen bis hin zu Passant*innen: 

Wir haben schon Alles gehört: Lueger ins Museum, Lueger stehenlassen, eine Glaskuppel über das Denkmal stülpen, Lueger kippen, Lueger etwas gegenüberstellen, Lueger mit Graffiti bemalt belassen, Lueger in einen Park mit anderen Statuen stellen, warten bis der große Baum hinter dem Denkmal Lueger "verschlingt", Lueger den Kopf absägen - der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. 


Was auch immer mit dem Denkmal passiert, wir bleiben dabei: Karl Luegers Antisemitismus muss endlich für ALLE sichtbar werden!

Auf dem Bild ist eine Darstellung einer geneigten Lueger-Statue zu sehen.
Das Gewinner-Konzept 2009: Der geneigte Lueger.
Auf dem Bild ist die Infotafel vor dem Lueger-Denkmal zu sehen. Zwei Hände stützen sich darauf.
Die Info-Tafel vor dem Lueger-Denkmal.
Auf dem Bild ist die Aktion "Schandwache" vor dem Lueger-Denkmal zu sehen.
Eine Künstler*inneninitiative und die Jüdische Hochschüler*innenschaft halten "Schandwache".
Auf dem Bild ist die Jüdische Hochschülerschaft bei einer Aktion gegen das Lueger-Denkmal zu sehen.
Die Jüdische Hochschüler*innenschaft bei ihrer Aktion im Oktober 2020.
Am Bild ist eine Puppe im roten Mantel vor dem Lueger-Denkmal zu sehen
Das Mädchen im roten Mantel am Lueger-Platz.